|
Das Wunder des Körpers - Wie du deinen Körper als Schlüssel des Seins entdeckst (Auszug aus meinem bald erscheinenden Buch „Das Paradies in Dir“)
Wenn du als Baby auf diese Welt kommst, ist dein gesamter Körper ein einziger Quell von Ekstase und Energie. Jede Bewegung ist vollkommen neu und einzigartig. Und fasziniert erforscht du die vielfältigen Möglichkeiten, dich in diesem Körper durch den Raum zu bewegen. Was ein Körper ist, weißt du nicht einmal – denn du kennst noch keine Worte. Auch was Ekstase ist, weißt du natürlich nicht, denn auch dieses Wort ist dir fremd. Und dennoch badest du quasi die gesamte Zeit in einem ekstatischen und völlig entspannten, wohligen Körpergefühl.
Vielleicht hebst du langsam deinen Arm und greifst mit deinem Händchen nach irgendeiner Sache. Irgendeiner Sache deren Namen du natürlich nicht kennst, ja du weißt nicht ein mal, was ein „Händchen“ überhaupt ist. Und dennoch, oder gerade deshalb, ist dein gesamtes Erleben dieses deines kleinen Körpers so erfüllt, dass deine Augen strahlen vor Freude und alle Erwachsenen dich bewundern und fast ein wenig neidisch ihre Augen einfach nicht von dir lassen können.
Du krabbelst auf allen Vieren herum und erkundest die für dich noch unglaubliche Welt und den Raum um dich herum. Eine Welt, die für Erwachsene meist als langweilig und alltäglich wahrgenommen wird. Vielleicht versuchst du deinen Körper dann irgendwo etwas aufzurichten und kippst überrascht und erstaunt zur Seite, weil du die Balance noch nicht halten kannst. Das Gefühl für deine Körperbalance erforscht du gerade erst noch und es ist aufregend und völlig neu für dich. Vielleicht tust du dir auch ein wenig weh und fängst an zu schreien – aber selbst in diesem Moment, leidest du nicht wirklich, weil du absolut eins bist, selbst mit dieser Körperempfindung und dein Schreien ist einfach die natürliche Reaktion darauf und drückt pure Lebendigkeit aus.
So geht das dann weiter und weiter. Du lernst, dich aufzurichten und dich auf zwei Beinen zu bewegen. Auch dies ist zu Beginn wieder ein absolutes Wunder und du erfreust dich daran und bist völlig versunken in dieser einfachen, Erfahrung, ein paar Schritte zu gehen. Irgendwann lernst du dann sogar, dich schnell zu bewegen und zu rennen oder irgendeinen anderen komplizierteren Bewegungsablauf. Und auch daran hast du deine helle Freude.
In der Pubertät erforscht du dann wahrscheinlich (bzw. hoffentlich) deine Sexualität und auch das erscheint dir die ersten Male, die du vielleicht einen Orgasmus erlebst, wie eine revolutionäre Entdeckung. Und je älter du wirst, je länger du in diesem Körper lebst, um so selbstverständlicher nimmst du diesen Körper wahr. Dass du deinen Arm und deine Hände und deinen Kopf bewegen kannst, ist nichts aussergewöhnliches mehr, was soll da schon besonderes dran sein? Du registrierst es kaum. Dass du gehen und laufen kannst, nimmst du überhaupt nicht mehr wahr. Und die Körpererfahrungen, die dir Freude bereiten oder die dich vom Sockel hauen, werden immer ausgefallener. Die Impulse, die deinem Körper Lebendigkeit einhauchen, müssen immer wieder erweitert oder intensiviert werden. Vielleicht gehst du irgendwann Bungee-Springen, Wildwasserfahren und Tiefseetauchen… Oder entwickelst die abgefahrensten sexuellen Vorlieben oder unglaublich schwierige Yoga-Positionen, um deinem Körper immer neue Kicks zu verschaffen… Vielleicht brauchst du auch andere Impulse, damit sich dein Körper wohlfühlt: Sauna, Massagen oder sonstwas... Du weißt selbst, was dir persönlich Wohlgefühl verschafft. In der Regel ist es vermutlich nicht dein normales, einfaches „im-Körper-sein“.
Es ist sogar möglich, dass du dich garnicht mehr um deinen Körper kümmerst und völlig sein gigantisches Potential für Wohlgefühl und Ekstase vergisst. Vielleicht suchst du deine Glücksgefühle stattdessen nur noch in der Jagd nach mentalen Erlebnissen und Erfolgen… Auch das ist möglich. Versteh mich nicht falsch – nichts von all dem ist falsch. Zum einen ist das ein ganz normaler Prozess, dem man nicht entrinnen kann. Und ausserdem ist es selbstverständlich auch wunderbar, immer neue Arten von Körpererfahrungen und auch aller anderen mentalen Erfahrungen zu machen. Die Frage ist nur, ob dir der Mechanismus bewusst ist, nach dem du immer neue und andere Wohlgefühle suchst. Und die Frage ist, ob du auch ohne ständigen Stimulus Glück erfährst und das Wohlgefühl deines Körpers geniessen kannst. Was wäre, wenn du von Geburt an nicht hättest laufen können, weil du querschnittsgelähmt warst und und durch irgendein Wunder hättest du irgendwann im Erwachsenenalter plötzlich gelernt zu gehen. Wäre Gehen dann nicht etwas ganz besonderes? Es wäre sicherlich etwas schier unglaubliches für dich. Zumindest für eine Weile - bis es wieder alltäglich geworden ist… Oder stell dir vor, du könntest dich ein paar Monate oder gar Jahre lang überhaupt gar nicht bewegen und nur mit deinen anderen Sinnen die Welt wahrnehmen und erkunden – der Rest deines Körpers wäre gelähmt. Und irgendwann könntest du dann plötzlich deine Hand bewegen. Oder den gesamten Arm. Was für ein Glück dies dann wäre! Und warum ist das so? Warum vergessen wir diese Besonderheit, unseren Körper bewegen zu können und uns darin durch die Welt zu bewegen? Und muss das so sein?
Manchmal wird dein Körper vom Leben sowieso eingeschränkt, sich frei zu bewegen. Vielleicht durch einen Unfall, in dem du dir deinen Fuß brichst oder irgendetwas ähnliches. Vielleicht wirst du auch krank und dein Körper ist eine Weile voller Schmerzen. In solchen Zeiten wird dir schmerzlich bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, sich entspannt und frei bewegen zu können. Dass es nicht selbstverständlich ist, schmerzfrei zu sein. Direkt nach dieser Krankheit oder Verletzung kannst du deinen Körper plötzlich geniessen wie seit langem nicht mehr – für eine Weile zumindest… Warum vergessen wir dies in der Regel wieder? Warum kannst du das nicht, auch ohne vorher krank zu werden, das Geschenk deines Körpers würdigen? Spätestens im Alter wird dir all dies in jedem Falle bewusst… Aber warum warten, bis du krank oder alt wirst? Ich behaupte, du kannst sehr wohl in jedem Alter, zu jeder Zeit (auch in diesem Moment, da du diesen Text hier liest), das Wunder deines Körpers entdecken und geniessen. Und du musst nicht immer neue, intensivere Körpererfahrungen machen, um das Wohlgefühl und die Ekstase deines Körpers erfahren zu können. Du musst nicht erst krank oder alt und unbeweglich werden, um zu erfahren, wie wertvoll, wie besonders dieses Geschenk deines Körpers sind.
Du kannst auch den umgekehrten Weg gehen. Statt immer neuen Kicks und angenehmen Empfindungen nachzujagen, behälst du deine Aufmerksamkeit einfach entspannt in der Körpererfahrung, die jetzt schon da ist. Du holst deine Aufmerksamkeit quasi zurück in das Nichtwissen, in die erste Erfahrung eines Babys… Du erfährst deinen Körper wieder so neu, wie als wenn du zum ersten mal in diesem Körper erwachen würdest. Diese Möglichkeit hast du in jedem Moment deines Lebens. Es gehört vielleicht ein wenig Übung dazu. Aber diese Übung ist nichts anstrengendes, was du tun müsstest… Wenn du genau hinschaust, dann ist Anstrengung nämlich nur mit dem Jagen nach neuen Kicks verbunden. Das wahrzunehmen, was sowieso schon da ist, ist nicht anstrengend, sondern ganz natürlich und entspannend. Unsere Aufmerksamkeit ist halt bloss so sehr daran gewöhnt, neuen Kicks nachzujagen, dass sie sich, wenn wir beginnen diese Präsenz zu schulen, zu Beginn halt einfach aus Gewohnheit immer wieder vom gegenwärtigen Körpergefühl löst… In Wahrheit ist es jedoch mit keinerlei Anstrengung verbunden, in deinem Körper zu ruhen und entspannt die Körperwahrnehmungen zu geniessen, die jetzt schon da sind. Die Wahrnehmungen, für die du nichts tun musst und die sich sowieso, völlig von alleine ständig verändern und Abwechslung verschaffen.
Wenn du dich mal fünf Minuten lang hinsetzt und einfach nur in deinen Körper spürst und immer wieder laut aussprichst oder auf ein Blatt Papier in Worten beschreibst, wie sich dein Körper von Moment zu Moment anfühlt, so wirst du erstaunt feststellt: Die Empfindungen verändern sich ständig. Das ist in Wahrheit total spannend… Vorausgesetzt du bist wirklich präsent in deinem Körper. Sobald deine Aufmerksamkeit natürlich in deinen Verstand geht und du dem glaubst, was dieser Verstand da ständig vor sich hinplappert, so wirst du augenblicklich aus dem Paradies deines Körpers heraus katapultiert. Der Verstand sagt dir dann vielleicht: Das ist doch langweilig einfach nur dazusitzen. Oder: Das ist doch total langweilig, nur spazierenzugehen und zu bemerken, wie der Körper sich bewegt. Was ist denn daran spannend? Das alles sagt der Verstand vielleicht. Die Wahrheit ist das natürlich nicht… Denn die Wahrheit ist: es ist ein Wunder, in einem Körper zu sein!
Vor vielen Jahren machte ich einmal ein kleines gedankliches Experiment, das mir die Kraft der Ausrichtung meines Geistes auf das Erleben meines Körpers, ungeheuer eindrucksvoll vor Augen führte. Ich studierte damals an der Universität in Bonn. Und ich spielte zu der Zeit ein Computer-Spiel. Ich weiss nicht mehr genau, was es für ein Spiel war, aber man verkörperte darin irgendein Wesen, irgendeinen Körper und konnte sich mit diesem Körper in einer virtuellen Welt mehr oder weniger frei bewegen und agieren. Die Vielfalt der Interaktionsmöglichkeiten mit dieser virtuellen Welt war schon damals recht hoch, hat sich aber in den letzten Jahren noch um ein vielfaches gesteigert. Die virtuellen Welten sind heute unglaublich realistisch und dreidimensional, und die Möglichkeiten in einer solchen Welt zu agieren sind unglaublich komplex geworden... Zu dem Zeitpunkt des besagten gedanklichen Experiments, hatte ich gerade eine Mittagspause zwischen zwei Vorlesungen und spazierte durch ein größeres Parkgelände in der Nähe des Uni-Hauptgebäudes. Während ich mich so durch den Park bewegte, dachte ich über diese immer komplexer werdenden Computer-Welten nach und überlegte mir, dass diese virtuellen Welten und Computer-Spiele vielleicht irgendwann so realistisch und komplex werden würden, dass man sie wie eine normale Welt wahrnehmen können würde. Vielleicht bekäme man eine Maske auf, durch die man dreidimensional alles direkt vor sich sehen könnte. Irgendwann möglicherweise sogar einen Anzug durch den man dann die virtuelle Umgebung erfühlen könnte und alle Sinne realistisch angesprochen und stimuliert würden… Während ich über diese Möglichkeiten der Entwicklung von Computer-Spielen nachdachte, kam mir plötzlich der Gedanke: Wie würde ich diese Welt hier, jetzt in diesem Moment, erleben, wenn ich wüsste, dass ich in einem riesigen, multidimensionalen Computer-Spiel wäre? Und plötzlich fühlte ich mich völlig präsent in meinem Körper und realisierte, in was für einer hochkomplexen Hülle ich da lebe. All die vielen Möglichkeiten, mich zu bewegen und mit meinen Sinnen wahrzunehmen wurden mir schlagartig bewusst. Mein ganzes Erleben war von einem Moment auf den nächsten zu einer höchst aufregenden und spannenden Erfahrung geworden… Ebenso kannst auch du dir, in jedem Moment deines Lebens, dieses unglaubliche Wunder deines Körpers bewusst machen.
Und du wirst noch eine weitere, sehr interessante Feststellung machen, wenn du deine Aufmerksamkeit aus deinem Verstand ungeteilt in deinen Körper richtest: Der Körper kann niemals unglücklich sein. Weil der Körper immer nur in der Gegenwart ist. Der Körper hat keinen Vergleich, was besser oder schlechter ist. Der Körper IST einfach nur. Und er HAT Empfindungen – in jedem Augenblick andere… Dem Körper selbst ist es auch niemals langweilig. Der Körper selbst kann nicht ein Mal leiden. Ein Baby beispielsweise, wie schon oben geschrieben, leidet nicht wirklich, wenn es Schmerzen hat. Natürlich schreit es, wenn da Schmerzen auftauchen. Das ist eine natürliche Reaktion des Körpers. Und natürlich schauen wir als Eltern, was die Schmerzen verursacht und wie wir diese abstellen können – das ist selbstverständlich und gut so. Aber ein schreiendes Baby „leidet“ nicht im klassischen Sinne. Und das ist jetzt keine Wortspielerei. Das Schreien ist eine natürliche Reaktion auf die Körpererfahrung, dessen was wir „Schmerz“ nennen – wofür das Baby nicht mal ein Wort kennt…
Das, was wir Leiden nennen, entsteht immer erst in dem Moment, in dem wir beginnen, eine Geschichte aus einer Körperempfindung zu machen. In dem Moment, in dem wir uns herausbewegen aus der Gegenwart und uns einer Vergangenheit erinnern (in der die Schmerzempfindung nicht da war) oder eine Zukunft ausmalen (in der wir vielleicht noch mehr Schmerz haben oder der Schmerz vorgestellterweise nicht mehr weggeht). Schmerz zu empfinden, ohne eine Geschichte und ohne ein Urteil dazu zu haben, ist eine reine und unschuldige Erfahrung, die keinerlei Leiden mitbringt. Wenn dein Körper sich schwer anfühlt oder müde oder ein bestimmter Bereich schmerzt, so probiere mal aus, was passiert, wenn du vollkommen in diese Warhnehmung eintauchst und jede Geschichte und selbst jede Bezeichnung weglässt. Vielleicht gelingt dir das am Anfang nur für einen kurzen Moment. Aber es lohnt sich, denn je mehr du in der Lage bist, einfach nur pur zu spüren, was da ist, um so erfüllter und offener ist dieser Moment. Schmerzen sind dann plötzlich kein Problem mehr (und das heisst, wie gesagt nicht, dass du nicht zum Arzt gehst oder ein Medikament nimmst oder was auch immer tust – aber ohne zu leiden halt!).
Gemeinhin beurteilen wir die Reaktionen und die Empfindungen unseres Körpers jedoch ständig. Bestimmte Empfindungen werden als Glücksgefühle oder Heiterkeit bezeichnet, andere vielleicht als Traurigkeit oder Depression… Ohne Urteil jedoch, und mit klarer Aufmerksamkeit wahrgenommen, werden unangenehme Gefühle entspannt wahrgenommen, normale, alltägliche Empfindungen werden zu aussergewöhnlichen Erfahrungen. Und angenehme Körperempfindungen werden zu paradiesischen... Dein Geist jedoch, dein Verstand jedoch hat die Möglichkeit zu vergleichen und aus der Präsenz und Gegenwart hinauszujagen und sich Unglück zu kreieren… Um die Präsenz für deine Körpewahrnehmung zu schulen, kannst du dir selbst innerlich einige hilfreiche Fragen stellen, die dich direkt in den Kontakt mit der Empfindung zu bringen. Hier ein paar Vorschläge: Verlangsame deine Bewegungen und schaue - was macht dein Körper in diesem Moment gerade? Wie fühlt sich dein Körper gerade an? Scanne deinen Körper, tauche tief in die Wahrnehmung ein und nimm jeden Bereich einfach wahr und genieße es. Und wie fühlt sich das alles an, wenn du keinerlei Urteil hast und keinen Namen für die Empfindungen kennst?
Die Wahrnehmung für dein Körper zu schulen, ist der erste Schritt auf der Reise zu dir selbst. Und es ist ein wunderbarer, um direkt in ein Paradies einzutauchen, das du vielleicht seit langen Jahren vergessen hast…
-> Seitenanfang <-
|
|